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Erfahrungsbericht

Oliana L. erzählt:

«Ich bin seit Geburt gehörlos und körperbehindert. Mit meinem ebenfalls gehörlosen Mann und unseren Kindern lebe ich in Ittigen. Meine beiden Buben und der Haushalt halten mich auf Trab. Ich bin froh, dass ich im Alltag Unterstützung von Assistentinnen bekomme, welche die Gebärdensprache beherrschen. Vor allem im Kontakt mit Behörden, bei Gesprächen mit Lehrern, an Elternabenden und Sitzungen bin ich auf Gebärdensprachdolmetscherinnen angewiesen. Mein grosses Anliegen ist die Anerkennung der Gebärdensprache als fünfte Landessprache. Denn für uns Gehörlose ist sie der Zugang zur Gesellschaft.

 

Das Pilotprojekt zum Berner Modell hat mich neugierig gemacht. Ich bin offen für neue Ideen und nehme auch gerne Herausforderungen an: Deshalb habe ich mich angemeldet. Bei der Abklärung meines Betreuungsaufwands musste ich fremden Leuten viel Privates anvertrauen. Das fiel mir schwer. Trotzdem hat sich die Abklärung gelohnt. Mit dem neuen Modell steht mir mehr Unterstützung zur Verfügung, was für die ganze Familie ein grosser Vorteil ist. Früher kam einmal pro Woche eine Spitex-Mitarbeitende für eine Stunde vorbei. Abgerechnet wurde über die Ergänzungsleistungen. Ansonsten waren mein Mann und ich entweder auf uns alleine gestellt, oder wir mussten mit Hörenden kommunizieren, wenn wir Hilfe brauchten. Das war nicht einfach. Nun können mich gebärdensprachkompetente Assistenzpersonen im Haushalt und bei der Kinderbetreuung begleiten. Von dieser Entlastung profitiert auch mein Mann, da er sich nun besser auf sein Geschäft konzentrieren kann.

 

 

Schade finde ich, dass das neue Berner Modell so komplex ist. Das ist die Kehrseite der grösseren Freiheiten. Wenn man nicht mehr überblicken kann, welche Folgen die eigenen Entscheide tatsächlich haben, geht auch die Grundidee der Selbstbestimmung verloren. Mit dem neuen System ist viel Wissen und Können verbunden. Meine neue Rolle als Arbeitgeberin meiner Assistenzpersonen ist zum Beispiel recht anspruchsvoll, gerade mit den damit verbundenen administrativen Aufgaben und Personalfragen. Zum Glück kann ich die Abrechnungen meinem Mann überlassen. Als Einzelunternehmer und Geschäftsführer eines Vereins hat er Erfahrung mit administrativen Aufgaben. Auch mit dem zur Verfügung stehenden Excel-Tool für die Abrechnungen kann er gut umgehen. Für uns ist das Ganze darum machbar. Trotzdem hoffen wir, dass das System noch etwas vereinfacht werden kann.»  

 

*Oliana L. ist 43 Jahre alt, wohnt in Ittigen und ist gehörlos und körperbehindert. Sie nimmt am Pilotprojekt zum neuen Berner Modell teil. Sie entdeckt gern Neues, mag Kochen und Backen, Wandern und Reisen.  

Oliana L. und ihr Mann unterhalten sich per Gebärdensprache.
Oliana L. und ihr Mann unterhalten sich per Gebärdensprache.